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Wenn die Physik nicht physikt

21. Juli 2026

Ein Techniker in der Werkstatt hält vor einem Bildschirm mit Gearbox-Schema den Kopf in den Händen, während ein Chronograph auf dem Stativ auf die nächste Messung wartet

Als ich anfing, meine erste Replik zu tunen, habe ich mir – Geek, der ich nun mal bin – gründlich alles reingezogen, was ich dazu in den Internetzen auftreiben konnte.

Eines der ersten Dinge, die ich fand, war die berühmte Formel für das optimale Verhältnis von Zylindervolumen zu Laufvolumen, abhängig vom BB-Gewicht:

Verhältnis = 7.5 × BB_Gewicht² + 1.55

Die Geschichte hinter der Formel geht ungefähr so. Ein langjähriger Forumsveteran unter dem Nick 1tonne hat die Volumenverhältnisse für verschiedene BB-Gewichte ausgemessen, und andere haben seine Ergebnisse jahrelang durch die Airsoft-Foren gereicht (die Spuren reichen mindestens bis 2015 auf dem Airsoft Sniper Forum zurück). Im August 2018 veröffentlichte er auch einen kompletten Artikel, What Barrel Length goes with what bb weight in an AEG, in dem er das Experiment beschreibt – eine S-AEG mit vollem Zylinder und ein 550 mm langer Lauf, den er in 10-mm-Schritten kürzte und bei jedem Schritt die Energie für jedes BB-Gewicht durch den Chrono jagte.

Die Formel selbst stammt allerdings nicht von ihm. Im April 2017 nahm ein User namens heregoeshell auf dem Airsoft Sniper Forum 1tonnes Tabellendaten und legte eine quadratische Kurve hindurch – wie er selbst sagte, Pi mal Daumen und nicht mit statistischer Methode – mit dem Hinweis, das Ergebnis könne bis zu 10% danebenliegen. Dieser Warnhinweis ging natürlich irgendwo unterwegs verloren, die Formel aber blieb – und wird bis heute in den Foren zitiert, als wäre sie das Evangelium.

Misstrauisch gegenüber der Formel wurde ich zuerst bei der Arbeit mit Läufen unter 250 mm, weil meine gemessenen Ergebnisse ziemlich weit von ihren Vorhersagen abwichen; ein auf die empfohlene Länge gekürzter Lauf lieferte weniger Leistung als einer, der ein paar Zentimeter länger war. Und bei zu kurzen Läufen wollte die Leistung nicht steigen, wenn ich ein schwereres BB einlegte – obwohl das laut Formel hätte passieren müssen!

Der Haken ist: So ehrlich 1tonne sein Vorgehen auch dokumentiert hat, gemessen hat er alles auf einer einzigen Konfiguration – ein Piston, ein Bucking, eine Feder. Die Tabelle – und damit auch die daraus abgeleitete Formel – setzt stillschweigend genau diese Hardware voraus. Die Pistonmasse, die nach meiner praktischen Erfahrung die Ausgangsleistung spürbar beeinflusst, taucht in der Rechnung gar nicht als Variable auf; der Laufdurchmesser wird mit einer Randbemerkung abgehandelt; das Hop-Up hat er für jedes BB neu nach Augenmaß eingestellt, “damit es möglichst flach fliegt”. Und der Totraum im Durchgang durch Zylinderkopf und Nozzle, der verändert, wie die Energie ans BB übergeben wird, wird nicht einmal erwähnt… Mein Bauchgefühl sagte mir außerdem, dass sogar die Federstärke einen Einfluss auf die Effizienz haben müsste.

Airsoft Labs Simulator: Parameter-Panels, drei Slots mit Ergebnissen und ein Diagramm der Bewegung von Piston und BB über die Zeit

Am Ende habe ich beschlossen, alle Parameter und physikalischen Prozesse aufzuschreiben, die mir einfielen und die das Geschehen im Kompressionsteil der Replik beeinflussen könnten – und mit der Entwicklung eines Programms zu beginnen, das das Ganze simuliert. Die theoretischen Berechnungen habe ich durch Justieren der physikalischen Parameter mit meinen eigenen exakten, streng kontrollierten Messungen abgeglichen und mit externen Untersuchungen und Referenzen gegengeprüft.

Nach einigen Monaten intensiver Arbeit hatte ich ein Modell, das nur minimal von meinen Messungen abweicht. Das gab mir endlich Einblick in die bis dahin unsichtbaren Prozesse, die sich im Inneren der Replik abspielen. Das Programm erlaubt mir vorherzusagen, wie ein Parameter Geschwindigkeit, Reichweite und Flugbahn des BBs beeinflussen wird, ohne die Replik aufzureißen – und dazu Dinge wie die Wucht des Piston-Aufschlags, die ich vorher gar nicht messen konnte. Das vielleicht Interessanteste von allem: Es hat mir erlaubt, die Bewegung von Piston und BB ganz genau zu beobachten und so zu einigen völlig neuen und unerwarteten Schlüssen zu kommen!

Das war gut investierte Zeit für ein Ergebnis, von dem die Airsoft-Community – so hoffe ich – wenigstens ein bisschen was haben wird!